meine welt im abgegrenzten raum dieser zeit

Ich habe schon ein paar Kilo abgenommen. Ich sollte mit jedem abgenommenen Gramm zufriedener werden. In der Ralität begreife ich nicht, was es bedeutet, dass ich tatsächlich weniger geworden bin. Dünner. Ja, ich bin dünner geworden, um fast 8 Kilo. Wenn die Waage jedoch morgen 59 Kilo anzeigen würde, würde ich es vom Körpergefühl her glauben. Ich spüre/sehe nicht den Verlust des Gewichts. Nur manchmal, wenn ich es will, sehe ich es auf manchen Fotos. Das ist das fatale. Ich sollte zufriedener sein. Bin es aber nicht. Ursprünglich wollte ich bis 54 Kilo kommen, aber dieses Ziel verlor ich so schnell aus den Augen.. Ich konnte mich sogar nicht mal mehr daran erinnern, dass ich jemals dieses Ziel hatte. Ich habe es neulich in meinem Tagebuch gelesen. Auf einmal stand da eine andere Zahl in meinem Kopf: 50. Die 50 mussten es auf einmal sein. Heute morgen wog ich 51,2. Ich weiß jetzt schon, dass die 50 nicht genug ist. Ich weiß, dass das nächste Ziel die 48 sein werden. Und dann? Werde ich ein nächstes Ziel haben? Ich hoffe nicht. Ich will es nicht. Ich will ein Morgengewicht von 48 und ein Abendgewicht von max. 50. Eigentlich habe ich schon jetzt die 50 als Endziel verworfen und die 48 zum neuen ultimativen glorifizierten Ziel erklärt. Ich habe das Gefühl, wenn ich erstmal die 48 erreicht habe, werden sich meine Probleme leichter lösen lassen, ich werde mich besser fühlen und die Welt mit neuen Augen sehen können. Und doch ahne ich ganz tief in mir, dass es nicht so kommen wird. Doch diese Gedanken verdränge ich so gut es geht. Warum das alles? Auch das frage ich mich manchmal. Die Antworten sind in mir, doch ich suche nicht nach ihnen. Oberflächlich vielleicht, aber nicht richtig. Ich will mir nicht die Schmerzen der Erinnerungen aufladen. Die Qualen, die mir der Rückblick bescheren würde oder die Unzufriedenheit, Traurigkeit meines momentanen Lebenszustandes. Natürlich gibt es Menschen, die Schlimmeres durchmachen mussten und trotzdem: ich bin unglücklich. Sehr sogar, doch es zu wissen und aufzuschreiben, oder eben die dazugehörigen Gefühle zuzulassen ist etwas anderes. Ich will mich nicht diesen Gefühlen hingeben, weil mir dann alles sinnlos erscheinen würde und ich weiß, dass mich das nicht weiterbringen würde. Ich würde baden in diesem Gefühl, aber es würde sich nichts an den Gründen ändern. Auch mit meiner Esstörung ändere ich nichts an den Gründen, aber sie lenkt mich ab, ich habe das Gefühl mal wirklich etwas unter Kontrolle zu haben. Ich allein bestimme, was ich esse. Ich allein bestimme, ob ich abnehme oder zunehme. das steht unter meiner Kontrolle. Bestimmt gibt es viele Möglichkeiten der Beschäftigung, deren Kontrolle mir allein zusteht, doch auf keinem anderen Gebiet werde ich in dieser Art belohnt. Die Belohnung besteht aus dem täglichen Wiegen, den Klamotten, die man nun eine Nummer kleiner kaufen kann, aus den Blicken, wenn man jemanden beobachtet, der dicker ist als man selbst, aus den Bemerkungen „hast du abgenommen?“.  Es gibt viele positive Gefühle, die man täglich erfährt.
Beispielsweise gehe ich gerne in Supermärkte und sehe mir an, was man alles essen kann oder besser gesagt könnte. Viele Minuten verstreichen, doch am Ende kaufe ich – wenn überhaupt – ein kalorien- und fettarmes Produkt. Aber die Vorstellung, was man alles essen könnte, ist so verlockend und man stellt sich vor, wie es wohl schmeckt und wie gut es sich anfühlen würde und das allein ist wunderbar. Dazu kommt das schöne Gefühl, wenn man den Laden verlässt, der Versuchung widerstanden zu haben all die leckeren Sachen zu kaufen. Man genießt die angenehmen Assoziationen der angebotenen Lebensmittel und das Gefühl der Kontrolle. Statt in Traurigkeit bade ich in diesen Gefühlen.
Natürlich gibt es auch die negativen Gefühle. Das Gefühl, dass man nie wieder normal essen kann. Man weiß sowieso gar nicht mehr, wie es geht "normal essen". Hat man jemals normal gegessen? Jeden Tag aufs neue muss man sich Gedanken darüber machen und aufpassen, dass man nicht zuviel isst. Die Anzeige auf der Waage soll doch morgen nach unten gehen. Soviel Zeit, die verstreicht während man sich Gedanken ums Essen macht. Und sobald man mal zuviel gegessen hat, hasst man sich. man hasst es, die Kontrolle verloren zu haben. Man bereut es und die Waage versetzt einem am nächsten Tag den passenden Schlag dazu. Man hofft, dass es nie wieder passieren wird, man schmiedet Pläne. Zunächst hält man sich daran, alles ist wieder gut. Man verliert an Gewicht, man schwelgt in den positiven Emotionen. Doch man bricht den Plan wieder und es beginnt von vorn. Der Hass, die Zuversicht, die Pläne, die Glücksgefühle, der Kontrollverlust, der Hass. Und wie es uns evolutiv eingeschärft worden ist, behält man die negativen Erfahrungen besser im Gedächtnis als die positiven. So vergisst man die Zuversicht, die Glücksgefühle und nach Monaten der Selbstquälerei erinnert man sich nur noch an den Hass. Der Hass auf den eigenen Körper und das undisziplinierte Ich wird so stark, dass man trotz Gewichtsverlust mehr und mehr den eigenen Körper verabscheut und ihn nicht akzeptiert. Der Hass auf den eigenen Körper ist größer, als er am Anfang war. Ja, insgesamt bin ich unzufriedener als mit meinen anfänglichen 58/59 Kilos und habe an Lebensqualität eingebüßt. Doch das würde ich mir selbst nie eingestehen. Wissen und Fühlen existieren getrennt voneinander.

14.12.07 21:05
 


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